Von daher weht der Hase und der Teufel sitzt im Abteil

Warum ich als Autorin den bewussten Umgang mit Worten schätze und wie das auch Deine Texte besser macht

 

„Menschen können schreiben, ohne nachzudenken – und tun es auch.“ Mit diesen Worten zog mich der Newsletter der Schweizer Schreibszene in dieser Woche in seinen Bann. Es ging darin unter anderem um Floskeln, Larifari und Massenware. Einmal mehr zeigt sich darin für mich, wie sinnvoll es ist, die Aufmerksamkeit für bewusste Wortwahl zu schärfen. Danke, Matthias Wiemeyer, von dem das Newsletter-Editorial stammt.

 

Die Fülle der Worte, die uns heute begegnet, ist vor allem dem Wunsch geschuldet, Aufmerksamkeit zu erlangen. Für sich selbst und seine Themen, für ein Produkt, eine Lösung oder eine Dienstleistung, und um den Blick auf ein wichtiges Thema zu lenken. Oft, um eine „persönliche Betroffenheit“ zu schaffen. Ein Ausdruck, der allein schon einen Beitrag wäre, wenn man allein die Energie dieser Worte in den Mittepunkt rückt. Denn was steckt dahinter: Man macht, mal mehr, mal weniger geschickt jemandem zum, zur Betroffenen, was ja nun per se nicht mehr so wahnsinnig positiv klingt. Zu zeigen, dass man ein Beitrag für das Gegenüber sein kann – ohne gleich den wunden oder Schmerzpunkt ordentlich zu „triggern“, ist für mein Empfinden nicht nur ungleich charmanter, sondern auch sinnvoller.

 

Nun gehe ich gerne davon aus, dass der Anteil denkender Menschen unter den professionellen Wortverwendern sehr groß ist – vor allem, wenn die Worte eine konkrete Wirkung erzielen sollen. Doch: Es wird ein Riesenaufwand betrieben, der, so meine vielleicht nicht mal gewagte These, verpufft. Und hin und wieder vermutlich sogar genau das Gegenteil erzielt.

 

Echte Sprache zeigt Einzigartigkeit  

Warum? Weil wir Menschen nun mal ziemlich gut spüren, ob das Gegenüber es ernst meint, mit uns, mit dem, was gesagt oder geschrieben wird. Und Worte berühren uns dann, wenn wir eben auch (und sei es "nur" unbewusst) darauf vertrauen können, dass das Gesagte stimmt, übereinstimmt mit dem, was wir sonst noch wahrnehmen in der Begegnung. Das ist weit mehr als schöne, starke Worte zu haben. Die wir, je nachdem in welcher Bubble wir uns so bewegen, halt auch leider nicht zum ersten (und auch nicht erst zum zweiten Mal) hören. Wenn sie dann noch in überbordender Fülle daherkommen, mache zumindest ich eins: Ich klappe die Ohren zu (das kann man sich jetzt gerne bildlich vorstellen, mir geht’s vor allem um den Effekt). Mit anderen Worten: Ich bin raus. Und zwar schnell.

 

Meine Zeit ist kostbar, ich will das Wesentliche wissen, und ich will vor allem wissen: Ist das echt – und ist das was für mich? Das ist völlig legitim, in einer Zeit, in gerne auch Bedürfnisse geschaffen werden, von denen der:diejenige nicht mal wusste, dass er bzw. sie hat. Menschen kaufen von Menschen, denen sie sich nahe fühlen. Sie entscheiden sich für das, was ihnen am Herzen liegt. Und sie spüren die Energie, die in den Worten steckt.

 

Für diese persönliche Beziehung, für eine Verbindung braucht es nicht nur den Blick aufs Gegenüber und, ums in Marketing-Sprech zu sagen, Kundenavatare und Personae, sondern vor allem eine große Portion Sprachgefühl, Empathie und auch das Selbstbewusstsein, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und sich einzigartig zu zeigen.

 

Mut fürs Wesentliche

Authentische Sprache und "echtes" Sprechen - für Menschen, Marken und Unternehmen - entsteht, wenn wir uns erlauben und trauen, echt zu sein. Wenn wir das Wesentliche kennen und dies zum Ausdruck bringen. Wenn wir klare Worte finden, statt Bull***t-Bingo oder Schachtelsätze verwenden. Okay, Schachtelsätze sind erlaubt. Für Blogbeiträge. Also, für meine jedenfalls. Spaß beiseite ... Nein, eben nicht, denn gerade der darf sein. Sprache und Worte können einfach unfassbar viel Freude bereiten. Warum also quälen wir uns (und im Zweifelsfall andere) also so oft mit Floskeln und halbherzigen Aussagen? Denn: Es kommt nicht nur darauf an, was gesagt wird – sondern auch, was gehört wird.

 

Was jetzt also tun? Ganz einfach …

 

1. Zuhören

Wie oft sind wir uns der Worte, die wir wählen, wirklich bewusst? Gerade in dieser schnellen Zeit dürfen wir uns dafür die Zeit nehmen: Worte bedenken, zu überdenken, drehen und ein bisschen wenden – und vorab vor allem auch zugehört haben. Je bewusster du dies tust, umso mehr wird es zur Selbstverständlichkeit – und trägt dem Ergebnis bei.

 

2. Den eigenen Ausdruck verfeinern

Es lohnt sich, die eigene Sprache, das eigene Ausdrucksvermögen zu verfeinern und sich dabei von überlieferten und überholten Sprachmustern zu lösen. Auch so zu sprechen oder schreiben, wie die anderen (z. B., weil man das in der Branche halt so macht) – sorry, das wird auf Dauer nicht funktionieren. Deine persönliche Note gehört einfach dazu. Sonst gehst du im Meer der Vielsagenden unter oder tauchst vielleicht gar nicht erst auf.  

 

3. Achtsam sein, wenn Du Sprachbilder oder Redewendungen verwendest

Sprache lädt immer wieder auch zum Spielen ein, sie ist lebendig und entwickelt sich weiter. Redewendungen haben jedoch meist schon eine gewisse Tradition und Sprachbilder müssen sitzen. Beide sollten jedenfalls nicht zu Assoziationen führen, die ungewollt von Deinem Thema ablenken. Wenn Du sie abgewandelt verwendest, dann bitte ganz bewusst – siehe oben: „Von daher weht der Hase“ ist nicht nur zauberhaft schräg, sondern aufmerksamkeitsstark – vor allem aber bewusst gewählt (und übrigens auch der Titel des „Kalender der Mainzer Buchwissenschaft 2022“).  

 

4. Unpräzise Formulierungen und Floskeln vermeiden

Wie sehr das Gegenüber bestimmte Formulierungen als Floskeln empfindet, hängt natürlich auch davon ab, wie häufig er:sie diese schon gehört oder gelesen hat. Und vermutlich auch von der Liebe zu Detail. Die Wirkung jedenfalls überträgt sich häufig auf das, was sonst noch gesagt wurde … Gähn!

 

Nur Mut also, der zur Verfügung stehende Wortschatz ist so groß, Du findest darin mit Sicherheit frische Worte für das, was Du sagen willst. Deine Souveränität und Dein Expertenwissen stecken gerade auch im Detail.

 


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